Samstag, 19. Juli 2008

Ach, hätte doch der gute Goethe noch ein bisschen länger gelebt. Dann wäre er vielleicht in den Genuss zu kommen, mit der Bonner Stadtbahn zu fahren, woraufhin er seine Farbenlehre wohl umkomponiert hätte.
Wer vom Hauptbahnhof nach Bad Godesberg fährt, wird an den Haltestellen nämlich sichtfeldmäßig von einer Farbe in die andere getunkt.
Grau in grau geht's los am Hauptbahnhof. Uni/Markt erinnert mit dem Giftgrün an Mamba und die wilden Einrichtungs-Siebziger, das Juridicum lässt einen in seinem Tiefsee-Aquamarin an "Findet Nemo" denken. Der Bundesrechnungshof verkörpert die orange Revolution, vielleicht weil hier auch das Auswärtige Amt lagert? Das Museum Koenig: Braun wie die Steppe. Die Heussallee dagegen: Wespengelb, vielleicht damit die angetrunkenen Konzertgäste der Museumsmeile durch den Gesichtssinnreiz wach gerüttelt werden. Ab Wurzerstraße geht es dann bis Godesberg in mausgrau weiter, am Godesberger Bahnhof lockert ein bisschen Orange auf, an der Stadthalle ein wenig Grün-Grau.
Unter dem Strich: Sehenswert.
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Mittwoch, 16. Juli 2008


Ob es sie wirklich gibt: also Herren und Damen, die Mustermann heißen? Diese Klingelanordnung aus der Altstadt macht uns das glauben.
Dazu ein Nonsensgedicht eines befreundeten Untergrundlyrikers:

Musterleute

Herr Mustermann aus Musterstadt,
der hatte jede Ordnung satt.
Frau Musterfrau aus Musterheim,
die wollte gern mal schludrig sein.
Dienstag, 15. Juli 2008
"Ein Journalist aber kann, er soll ein Jahrhundertschriftsteller sein. Die echte Aktualität ist keineswegs auf 24 Stunden beschränkt. Sie ist zeit- und nicht tagesgemäß. Diese Aktualität ist eine Tugend, die nicht einmal einem Dichter schaden könnte, der niemals für die Zeitung schreibt. Ich wüßte nicht, weshalb ein ausgeprägter Sinn für die Atmosphäre der Gegenwart die Unsterblichkeit hindern soll. Ich wüßte nicht, weshalb Menschenkenntnis, Lebensklugheit, Orientierungsvermögen, die Gabe zu fesseln und andere solcher Schwächen, die man dem Journalisten vorwirft, die Genialität beeinträchtigen können. Das echte Genie erfreut sich sogar dieser Fehler. Das Genie ist nicht weltabgewandt, sondern ihr ganz zugewandt. Es ist nicht zeitfremd, sondern zeitnahe. Es erobert das Jahrtausend, weil es so ausgezeichnet das Jahrzehnt beherrscht."
Das ist ein Zitat von Joseph Roth über Egon Erwin Kisch. Und dies ist gleichzeitig ein Auszug aus dem "Buch der verbrannten Bücher" von Volker Weidermann. Und es ist drittens der Beweis dafür, dass auch dieses Buch mit Literaturgeschichten eine kleine Schatzkiste für Lesefreunde ist.
Bei einer Lesung im Literaturhaus Köln berichtete Weidermann mit einem Augenzwinkern, der große Marcel Reich-Ranicki habe die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, als er erfuhr, dass Weidermann all jene Autoren wieder ausgraben wolle, die (von ihm) mühsam aus dem Kanon genommen worden seien. Es stimmt natürlich, dass manche Bücher nicht besser werden, nur weil sie von den Nazis verbrannt und deren Autoren verfolgt wurden. Aber Weidermann gibt ihnen zumindest die Chance, einmal von Lesern wahrgenommen zu werden.
Die Leseliste ist jedenfalls wieder gewachsen, zum Beispiel um die expressionistische Gedichte-Sammlung "Menschheitsdämmerung" von Kurt Pinthus.
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